Mila gewinnt »EBG-Poetry-Slam«

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© EBG Castrop-Rauxel

Am En­de des letz­ten Schul­jah­res ha­ben zwei EF-Deutsch­kur­se von ih­ren Leh­rern die krea­ti­ve Auf­ga­be er­hal­ten, Tex­te für ei­nen Poet­ry Slam zu schrei­ben. Mi­la Hell­fai­er stell­te sich der Auf­ga­be und kehr­te ihr In­ners­tes nach au­ßen. Sie hat den Mut ge­habt über ih­re ei­ge­nen Ge­füh­le zu schrei­ben — und dass auf ei­ne be­ein­dru­cken­de Art und Wei­se. Mi­la be­rich­tet in ei­nem In­ter­view, dass ihr das Ver­fas­sen des Tex­tes zu­nächst recht leicht von der Hand ging und ihr das Schrei­ben über die eig­nen Emo­tio­nen nicht schwer fiel. Trotz­dem kos­te­te es sie Über­win­dung, den Text — zu­nächst in­ner­halb des ei­ge­nen Kur­ses — vor ih­ren Mit­schü­le­rin­nen und Mit­schü­lern so­wie der Lehr­kraft vor­zu­tra­gen. An­ge­spornt ha­be sie aber der Ge­dan­ke, dass viel­leicht an­de­re Schü­le­rin­nen und Schü­ler mit ähn­li­chen Ge­füh­len zu kämp­fen ha­ben und sie sich dann we­ni­ger ein­sam füh­len wür­den.

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Im fi­na­len Wett­be­werb vor der Schü­ler­schaft bei­der Kur­se tru­gen die fi­na­len Kan­di­da­tin­nen und Kan­di­da­ten in der Au­la ih­re Tex­te vor vor. Die Ju­ry, so­wie das Pu­bli­kum wa­ren be­ein­druckt von Mi­las emo­tio­na­lem Text, so­dass sie den haus­in­ter­nen Poet­ry Slam schluss­end­lich ge­wann.

Herz­li­chen Glück­wunsch Mi­la!

Wir sind ge­spannt dar­auf, was wir noch von dir hö­ren wer­den.

 

Ein­sam­keit

Ich bin 17 und ha­be das Ge­fühl, ich hab in mei­nem Le­ben
schon mehr mit mei­nem Spie­gel­bild ge­re­det
Als mit an­de­ren Men­schen
Hab schon mehr Ge­sprä­che in Fan­ta­sie­wel­ten mit er­fun­de­nen Cha­rak­te­ren ge­führt
Als mit mei­nen bes­ten Freun­den
Ich hab die Fol­gen mei­ner Lieb­lings­se­rie öf­ters ge­se­hen
Als mei­ne El­tern zu­sam­men nach der Tren­nung – da­mals war ich noch klein
Und ich hab gar nicht ver­stan­den, was über­haupt los war
Als ich von mei­ner Mut­ter al­lei­ne zum Kin­der­gar­ten ge­bracht wur­de; wo war mein Pa­pa?
Ver­stan­den hab ich es nie, da­mals war ich noch klein
Aber jetzt, jetzt bin ich fast er­wach­sen und den­ke zu­rück
An die Bil­der­buch­fa­mi­li­en in den Kin­der­bü­chern
Doch es war al­les nur Show
Ich lie­be mei­ne El­tern, trotz all den Her­aus­for­de­run­gen in un­se­rem All­tag
Mei­ne Mut­ter küm­mert sich ge­le­gent­lich um mich
Und mein Va­ter ist im­mer für mich da, egal wie weit weg er ist
Aber trotz­dem ver­schwin­det die­ses Ge­fühl nicht

Da­mals im Kin­der­gar­ten war ich auch schon an­ders:
Wel­ches Mäd­chen spielt denn auch Fuß­ball
Oder hat ein Pos­ter von Light­ning Mc­Queen an der Wand hän­gen?
Jetzt bin ich 17 und tra­ge „Jung­skla­mot­ten“ (wenn es das über­haupt gibt)
Mei­ne Haa­re sind kür­zer als die von Ra­pun­zel
Und weil ich nicht mehr in die­se Prin­zes­sin­nen­rol­le pas­se, wer­de ich als männ­lich ab­ge­stem­pelt – war­um ist mein Ge­schlecht ei­gent­lich so wich­tig?
„Les­be“ wur­de ich ge­nannt, weil ich nicht dem ty­pi­schen Bild ei­ner „Frau“ ent­spre­che
Und wenn ich ei­ne bin? Wer­de ich dann wie­der aus­ge­grenzt, weil ich „an­ders“ bin?
Müs­sen wir Men­schen im­mer al­les und je­den in ei­ne Schub­la­de ste­cken?
Kön­nen wir nicht ein­fach le­ben und auf­hö­ren, Ali­ens von un­se­rem Pla­ne­ten zu schi­cken
Nur weil sie hier nicht her­kom­men?
Sie su­chen auch nur ei­nen Un­ter­schlupf, ei­nen safe space
An dem sie un­ter­kom­men kön­nen
Ich weiß, wie es sich an­fühlt, aus­ge­grenzt zu wer­den
Ich weiß, dass ich nicht al­lei­ne bin
Aber trotz­dem ver­schwin­det die­ses Ge­fühl nicht

Mit 10 kam ich auf ei­ne neue Schu­le, ein Gym­na­si­um
Auf­re­gung pur!
So vie­le neue Kin­der, neue Leh­rer und ei­nen neu­en Schul­hof mit ei­nem Klet­ter­ge­rüst – da­mals lieb­te ich Klet­tern
In un­se­rer ers­ten Stun­de bas­tel­ten wir Tü­ten aus Pa­pier, die wir be­ma­len konn­ten, wie wir wol­len
Sie war wie ei­ne Zeit­kap­sel, mit ei­ner Nach­richt an un­ser Zu­kunfts-Ich
Ei­nem Wunsch für den neu­en Le­bens­ab­schnitt
Auf mei­nem Zet­tel stand: „ich hof­fe, ich fin­de vie­le neue Freun­de und dass sich nie­mand lus­tig macht über mich“
In den letz­ten Jah­ren ist viel pas­siert
Schließ­lich kommt es mal vor, dass man­che Be­zie­hun­gen nicht so funk­tio­nie­ren, wie man am An­fang er­hofft hat
Als Teen­ager lernt man noch da­zu und Feh­ler kom­men vor – auch als Er­wach­se­ner oder Se­ni­or
Du mein­test zu mir, dass es im­mer wie­der vor­kommt und du hat­test recht
Viel­leicht soll­te ich ein­fach ein­sam blei­ben, da­mit ich mei­nen Liebs­ten nicht scha­de
Selbst wenn es mal Mo­men­te gibt, wo ich mei­ne Emo­tio­nen of­fen kom­mu­ni­zie­re
Ver­schwin­det die­ses Ge­fühl trotz­dem nicht

Manch­mal wün­sche ich mir, all mei­ne dunk­len Sei­ten sind plötz­lich nur ein Hauch von Luft

Als ich 13 war, war mei­ne ein­zi­ge Schwes­ter viel un­ter­wegs
Freun­de tref­fen, fei­ern ge­hen, rau­chen – was man halt so macht als Teen­ager, oder?
Sie kam erst spät nach Hau­se, als ich schon schlief
Und ging schon früh aus dem Haus, als ich in der Schu­le war
Un­ter­nom­men hab ich nie was mit ihr, denn ich war nie ei­ner der wich­tigs­ten Prio­ri­tä­ten in ih­rem Le­ben
Trotz­dem weiß ich heu­te, dass ich sie im­mer an mei­ner Sei­te ha­be, wenn ich sie brau­che
Und trotz­dem ver­schwin­det die­ses Ge­fühl nicht

Wenn ich vor die­ser Klas­se spre­che, mag ich viel­leicht hier sit­zen
Mit ei­nem Lä­cheln in mei­nem Ge­sicht
Wäh­rend es so scheint, als hät­te ich den Spaß mei­nes Le­bens
Aber in­ner­lich hat sich dann doch nichts ver­än­dert
Und ich bin im­mer noch ge­nau­so, wie in mei­ner ei­ge­nen Welt:
Be­trof­fen von ei­nem Ge­fühl, das die Welt zu sel­ten zu Ge­sicht be­kommt
Ei­ne Eil­mel­dung, die raus­ge­fil­tert wird, weil sie „nicht wich­tig ge­nug“ ist zwi­schen an­de­ren Schlag­zei­len

Ich hab mich nie ge­traut zu sa­gen: ich bin ein­sam
Weil nie­mand mir zu­hört, schrei­be ich mei­ne ei­ge­nen Tex­te: Songs, Ge­dich­te, die­sen Slam
Wenn mich mein Schmerz mit le­ben­di­gem Leib ver­schlingt
Er­schafft Kum­mer ei­ne Künst­le­rin
Nur für‘s Pro­to­koll:
Mu­sik ist mein bes­ter Freund
Weil sie mei­ne Stim­me ist, wenn ich nicht spre­chen kann

Ob­wohl die­ses Ge­fühl nie­mals ver­schwin­det
Bin ich trotz­dem stolz auf mei­ne Ma­cken
Denn oh­ne sie wä­re ich nicht da, wo ich jetzt bin
Oh­ne sie gä­be es kei­ne Tex­te
Kei­ne Stro­phen, kei­ne Zei­len
Kei­ne Wahr­heit
Und ich wür­de in die­sem Sturm un­ter­ge­hen
Schließ­lich ver­schwin­det die­ses Ge­fühl nie
Aber ich über­brin­ge die­ses Ge­ständ­nis
Und füh­le mich we­nigs­tens ein klei­nes Stück bes­ser